Hanauer Neustadt
In der Dauerausstellung lässt sich die Entwicklung der Neustadt seit 1597 und die intereuropäischen Wechselwirkungen für Hanau entdecken, erfragen, erriechen, ertasten und erkunden. Besuchende können in die Neustadtgründung, das Sozial- und Wirtschaftsleben sowie den Kulturtransfer von Tätigkeiten und Wissen durch die Neubürgerinnen und Neubürger eintauchen. Ein Ausblick auf Kontinuitäten bis heute schließt die neue Dauerausstellung ab. Präsentiert werden kunstvolle Goldtabatièren, Silberwaren und Fayencen, herausragende Stillleben und Porträts, Steinfunde, Planzeichnungen und Häuserdarstellungen, Werkzeuge und Alltagsgegenstände.
Drei Themenräume laden zum Bestaunen der Kunstwerke zum Eintauchen in die spannenden Biografien und Geschichten ein. So können die Besuchenden den Maler Soreau befragen, wie er ein Stillleben auf die Leinwand bringt. Es lassen sich die Unterschiede zwischen Fayence und Porzellan oder die Bestandteile eines Porträts ertasten. Und besonders spannend sind die Gerüche zu erraten, die ein Neustadtbürger seinem Allheilmittel beimischte. Zudem lassen sich Berufe und Verträge, Entwicklungen und Kontinuitäten in Mitmachstationen entdecken. Aus konservatorischen Gründen nicht im Original ausstellbare Objekte sind über mehrere Medienterminals erkundbar. Diese dokumentieren die Textilproduktion, Tabakprodukte, Buchdrucke oder die ersten Ausgaben des Hanauer Anzeigers. Und auch die Hörspielfans kommen mit einer extra für Hanau geschriebenen Geschichte der 2023 verstorbenen renommierten Autorin Sibylle Lewitscharoff über den Versuch mit dem Teufel einen Handel einzugehen auf ihre Kosten. Der Mediaguide ermöglicht die weitere inhaltliche Vertiefung mit Bild- und Audioelementen.
Die Geschichte der Neustadt beginnt 1596 mit den Verhandlungen zwischen Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg und wallonischen und niederländischen Glaubensflüchtlingen. Mit der am 1. Juni 1597 unterzeichneten Capitulation garantierte der Graf den Glaubensflüchtlingen freie Religionsausübung und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Mit der Zusage versprach er sich den Ausbau seiner politischen Macht, wirtschaftliche Prosperität und den reformierten Glauben in seiner Grafschaft zu festigen. Durch die Transfix-Urkunde von 1601 erhielt die Neustadt Selbstverwaltung und den Status einer eigenständigen Stadt. In der Folge fanden hunderte Neubürgerinnen und Neubürger aus den heutigen Niederlanden, Belgien und Nordfrankreich sowie weiteren Gebieten Deutschlands und Europas in Hanau eine neue Heimat. Ihre Ideen, Sprachen, Traditionen, Gewerbetechniken, Lebensentwürfe und Innovationen machten Hanau zu einer europäischen Stadt und einem internationalen Handelszentrum. Sie prägen Hanau bis heute.
Die Neustadtgründung beleuchten in der Ausstellung Porträts der Protagonisten auf gräflicher und bürgerlicher Seite sowie in die Hand nehmbare Urkunden. Architektur und Stadtplanung werden über Kartenwerke, Zeichnungen und Fotografien vermittelt. Ein besonderes Highlight ist das Hauszeichen „Zum fliegenden Pferd“. Der massiver Sandsteinblock wurde 1600 als Hauswappen der Druckerei Aubry und Wechel am Gebäude Ecke Langstraße und Frankfurter Straße, einem der ersten Häuser der Neustadt, angebracht. Ebenso stehen die religiösen Fragen des 16. und 17. Jahrhunderts im Fokus.
Neben der Religionsfreiheit waren es besonders die Zusicherung freier Arbeits- und Handelsbedingungen für das Handwerk, die viele Neubürgerinnen und Neubürger zur Ansiedlung in der Neustadt bewogen. Sie brachten Wissen, Kapital und europaweite Handelsbeziehungen mit und zogen neue Fachkräfte mit besonderen Fähigkeiten an. Zudem etablierten sie frühkapitalistische Produktionsformen wie Verlagswesen und Manufakturen. Im 17. Jahrhundert prägten Textil- und Tabakproduktion das Wirtschaftsleben. Kurzfristig etablierte sich auch die Stilllebenmalerei als Wirtschaftszweig von europäischer Bedeutung. Dies wird durch drei Gemälde von Peter und Isaak Soreau sowie Peter Binoit visualisiert. Daneben zählten überproportional viele Juwelenhändler sowie Gold- und Silberschmiede zu den Gründern der Neustadt. Die Gewerbezweige erlebten einen Einbruch durch den Dreißigjährigen Krieg. Als sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Tabakschnupfen verbreitete, kam mit dem Tabakdöschen ein neues Accessoire auf den Markt. Hanauer Goldarbeiter fertigten diese kostbaren Adelsgeschenke und verzierten sie häufig mit Juwelen. Als Highlights sind in der Ausstellung Goldtabatièren der Werkstätten Servais, Fernau, Toussaint, Weishaupt sowie Bury & Leonhard zu sehen.
Aufnahme und Bürgerrecht erhielten nur wohlhabende Zuwanderer. Sie brachten innovative handwerkliche Fähigkeiten bei der Produktion von Schmuckwaren, Fayencen, Nachrichtenblättern oder Kenntnisse in Medizin, Kunst und Gestaltung mit. So entwickelte sich die Neustadt durch Zuwanderung und Binnenmigration zu einem Drehkreuz des wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs. Im 18. Jahrhundert schlossen sich mit der Vollendung des Neustädter Rathauses die letzten Baulücken. Die Gründung der Zeichenakademie 1772 ermöglichte die zeichnerische Ausbildung vor Ort. Zugleich erlebte die Fayenceproduktion eine Blütezeit mit speziellen Dekoren wie dem „Hanauer Strauß“, der Fächerplatte und dem Enghalskrug. Zuvor hatte die 1661 gegründete Hanauer Fayencemanufaktur vorwiegend Schreibwerkzeuge und Enghalskrüge produziert. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts fanden bunte Bemalungen Einzug. Die Ausstellung gibt Einblicke in Vielfalt und Variationen der Fayenceproduktion. Der Unterschied zwischen Fayence und Porzellan lässt sich ertasten.
Für die Ausstellung wurden zahlreiche Gemälde restauriert, darunter auch „Der Himmlische Theriak“. Das opulente Bildnis hing vermutlich als Werbung der Apotheke von Johann Dietrich Hoffstadt am Neustädter Markt. Der Theriak galt seit der Antike als Wunderheilmittel. Aus den bis zu 190 Zutaten stellten Apotheker, aber auch Scharlatane, einen dicken Brei her. Sie mischten Blumen, Heilpflanzen, Rinde, Wurzeln, Harze, Balsam, Honig, Gewürze, aber auch Kurioses wie wenig Heilsames wie Opiate, Edelsteine, Goldstaub, Korallen, Hirnschalen, Schlangenfleisch oder Viperngift zusammen. Das Gemälde zeigt zahlreiche der Zutaten neben Bezügen zur Hanauer Geschichte. Eine Mitmachstation lädt zum Erraten ausgewählter Zutaten über den Riechsinn ein.
Wie die Neustadtgründung unser Hanau im Stadtraum, in der Sprachvielfalt, in der Religionsfreiheit, bei Innovationsimpulsen und in der Heimatverbundenheit bis heute prägt sowie wann Alt- und Neustadt juristisch und zwischenmenschlich zu einer Stadt zusammenwuchsen, lässt sich abschließend entdecken.
Schloss Philippsruhe
DI–FR 10–17 Uhr, SA/SO 11–18 Uhr
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