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#324

dorfgemeinschaftshaus

Das Heinrich-Fischer-Haus in Mittelbuchen ist das erste Dorfgemeinschaftshaus in Hessen, das mit staatlicher Förderung realisiert werden konnte. Es wurde mit einem dreitätigen Fest im August 1953 eingeweiht. Hauptprotagonist des „Programms zur Schaffung sozialer Einrichtungen in Landgemeinden“ war Heinrich Fischer (Hanau 1895 – 1973 Hanau). Im Kabinett von Ministerpräsident Dr. Georg-August-Zinn wirkte der Sozialdemokrat 1951-1953 als Staatsminister für Arbeit, Landwirtschaft und Verkehr, von 1953-1955 für Arbeit, Wirtschaft und Verkehr, ehe er 1956-1962 als Oberbürgermeister der Brüder-Grimm-Stadt amtierte (siehe auch #192 – Museen Hanau und #320 – Museen Hanau).

 

In einem Antrag der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag ist 1952 zu lesen:

Die Regierung wird beauftragt, einen Betrag von 1,5 Millionen DM für Zwecke der sozialen Aufrüstung des Dorfes im Etat-Jahr 1952/53 bereitzustellen. Aus diesen Mitteln sind Bestrebungen der Selbstverwaltung zur Verbesserung der sozialen und kulturellen Einrichtungen der Landbevölkerung zu fördern, insbesondere:

1. Die Einrichtung von Dorfgemeinschaftshäusern mit modernen Kühlanlagen, Waschküchen und Trockenräumen, Mostereien, Badeeinrichtungen und Gemeinschaftsräumen für kulturelle Zwecke.

2. Ausbau der Familienfürsorge auf den Dörfern mit dem Ziel der gesundheitlichen Schonung der Mütter und der Intensivierung der Fürsorge für die dörfliche Jugend.

3. Bestrebungen zur künstlerischen Gestaltung des Dorfbildes, zur Verschönerung des Landschaftsbildes, zum Ausbau des dörflichen Büchereiwesens, zur Erhaltung der Volkstrachten und des Brauchtums.

 

Beindruckt von den ersten Erfolgen und dem positiven Widerhall stellte der Landtag für das Rechnungsjahr 1953/54 weitere 2,5 Millionen DM bereit. Wohlgemerkt für insgesamt rd. 70 Projekte landesweit!

Heinrich Fischer erinnert sich in einer Schrift von 1954: Ich habe mit vielen Bürgermeistern, Gemeindevertretern und Einwohnern über Sinn und Zweck der großen Aufgabe, die wir lösen wollen, gesprochen, in vielen großen Bürgerversammlungen. Schon diese wurden zu einem unvergeßlichen Erlebnis für jeden, der daran teilnehmen konnte. Begeisterte Zustimmung fand ich, wenn ich immer wieder erklärte, die Dorfgemeinschaftshäuser sind Burgen des Friedens, sie sollen der Ausgangspunkt des sozialen und kulturellen Fortschritts in der Gemeinde sein.

Um Landesbeihilfen zur erhalten waren neben Eigenmitteln und Materialleistungen der Gemeinden, Landesbaudarlehen, Hypotheken und Zuwendungen des jeweiligen Landkreises vor allem freiwillige Gemeinschaftsarbeiten der Bevölkerung einzubringen. Mittelbuchen zählte 1953 ca. 1.650 Personen.

 Im Dorfgemeinschaftshaus an der Wachenbuchener Straße 17 wurden realisiert: Gemeinschaftsraum (Dorfbücherei, zwei Nähmaschinen, Zentralhöhensonne, Rundfunk- und Fernsehempfang), Gemeinschaftswaschanlage mit Mangel, Gemeindebad, Wannen und Duschen, Kochanrichte (Einbauküche), Wohnung der Gemeindeschwester und Behandlungsraum, Mosterei, Heizung und Kohlenkeller, Tiefgefrieranlage, Jugendboden, Wohnung des Hausmeisters. Im Kindergarten nebenan: Tagesraum, kleiner Ruheraum, Kochanrichte, Waschraum und Toiletten, Garderobe, Kinderspielplatz mit Schaukel, Karussell, Wippen und Kletterturm.

Im Eingangsbereich des Hauses erinnert eine gusseiserne Erinnerungstafel mit den Unterschriften von Zinn, Fischer und Bürgermeister Puth an die enorme Gemeinschaftsarbeit.

 

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Demokratie bauen!“ der Kulturregion FrankfurtRheinMain zusammen mit der Stadt Hanau, dem Heimat- und Geschichtsverein Mittelbuchen e.V. und World Design Capital gibt es am Samstag, 20. Juni 2026, ab 15 Uhr vor Ort Führungen, Kaffee und Kuchen, Vorträge und eine Podiumsdiskussion rund um das Dorfgemeinschaftshausprogramm. Das Heinrich-Fischer-Haus wird zudem mit einer Plakette „Ort der Demokratiegeschichte“ der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte ausgezeichnet. Nähere Informationen finden Sie unter: Hanau-Mittelbuchen: Dorfgemeinschaftshäuser gestern und heute - KulturRegion FrankfurtRheinMain

  Text: Martin Hoppe

 

Postkarte „Gruß vom Hanauer Lamboywaldfest“ von Wilhelm Schultz / Verlag Friedrich Wollenhaupt Hanau, um 1920

 

 Dorfgemeinschaftshaus Mittelbuchen mit Kindergarten 1954 (copyright: Medienzentrum Hanau/Bildarchiv)