hu logo lang 400px sw

#333

Ein kleiner Stein mit großer Bedeutung

Vor dem Eingang zur Volkshochschule am Ulanenplatz steht ein Basaltstein-Sockel mit Inschrift-Tafel aus rotem Sandstein. Er ist von bescheidener Größe und leicht zu übersehen, aber ein bedeutsamer Zeuge der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte unserer Stadt. Als Menschen aus allen Teilen Europas von der US-Army befreit wurden und KZ-Überlebende, verschleppte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wie ausländische Kriegsgefangene als Displaced Persons in den drei Kasernen an der Lamboystraße untergebracht waren.

Anfangs 10.600 Menschen, hauptsächlich russischer, polnischer und ukrainischer Nationalität hatte es durch die Wirren der Zeit in die Hanauer Auffanglager Hutier-, Francois- und Hessen-Homburg-Kaserne verschlagen. Daneben auch rund 6.000 baltische Flüchtlinge, die aus Furcht vor der Roten Armee und dem bolschewistischen Terror aus ihren Heimatländern geflohen waren und sich in den Lagern zu nationalen Gemeinschaften zusammenschlossen. Zeitweise 4.000 Personen umfasste die Hanauer litauische Gemeinde, die sich zum Ziel setzte, gemeinsam mit allen Litauern in der Fremde den Kampf gegen die sowjetische Besetzung fortzusetzen, um ihren demokratischen litauischen Nationalstaat wieder herzustellen. 1947 errichteten sie im Eingangsbereich der Francois-Kaserne den bis heute erhaltenen Gedenkstein, der im Zuge der Konversion des Militärgeländes um 2000 an die jetzige Stelle versetzt wurde.

Die Gestaltung der Inschrift ist Ausdruck der Loyalität zur nationalen Geschichte und Kultur ihres Volkes. Sie zeigt die nationale Symbolgestalt des Vytis, des gewappneten Reiters auf seinem Pferd mit gezogenem Schwert im Kampf gegen die Feinde. Die Verwendung des seit dem 15. Jahrhundert gebrauchten Nationalwappens ist der selbstbewusste Ausdruck litauischer Identität und gleichzeitig eine politische Botschaft an die Unterdrücker in der Heimat. Der Text in lateinischer Sprache und Schrift will als bewusstes Bekenntnis zum europäischen Kulturraum und als Abgrenzung zur slawischen Kultur verstanden werden: ANNO DOMINI - MCMXLVII - LITUANI, Im Jahr des Herrn - 1947 – Die Litauer. Auch hier klingen historische Erfahrungen an, denn bereits Ende des 19. Jahrhunderts verteidigten die Litauerinnen und Litauer erfolgreich ihre lateinische Schreibweise als Teil ihrer Identität gegen die Order des russischen Zaren, der alle Völker seines Reiches zum Gebrauch der kyrillischen Schrift zwingen wollte.

Wer sich über die interessante Geschichte des Hanauer Lagers ab 1945 weiter informieren möchte, dem sei die Veröffentlichung „Das Tagebuch des Harry Heath“ der Historikerin Dr. Alice Noll empfohlen. Sie legte Ende 2025 bereits in zweiter überarbeiteter Auflage und reich illustriert die Erinnerungen des britischen Lagerleiters vor, der als ehemaliger Mitarbeiter der Internationalen Freiwilligen Hilfsorganisation UNRRA das Leben im Hanauer DP-Camp in all seinen Facetten lebendig werden lässt: Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung, Mangel an Wohnraum, florierender Schwarzmarkt, Alkoholkonsum, das umfangreiche Schulwesen, außerordentliche Ausbildungseinrichtungen, aber auch Theater, Kino, Ausstellungen und Sportveranstaltungen. Besonders bemerkenswert für das Hanauer Lager ist die Anwesenheit einer großen Anzahl von Repräsentanten der litauischen Elite aus Politik, Wirtschaft und Kultur, darunter der ehemalige Ministerpräsident und Staatspräsident Kazys Grinius und der Künstler Vytautas Kazimieres Jonynas. Sogar General Dwight D. Eisenhower, der spätere US-Präsident, besuchte 1947 das Hanauer Camp. Die vom Fachbereich Kultur der Stadt Hanau herausgegebene Veröffentlichung umfasst 218 Seiten und ist im Buchhandel für 14,80 € erhältlich (ISBN 978-3-948834-03-6).

 

Text: Martin Hoppe

 

325 Emil Wuerth kl

Der „Litauer-Stein“ am Ulanenplatz (copyright: Fachbereich Kultur der Stadt Hanau, Aufnahme Martin Hoppe)