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Das wilhelmsbader sonnenmännchen

Der Frühling ist da, die Sonne beseelt Natur und Alltag. Viele Menschen schwärmen u. a. nach Wilhelmsbad aus, um sich die eingerosteten Winterfüße zu vertreten.

Wer durch die von 1777 bis 1785 erbauten Kuranlagen schlendert, kommt auf der Rückseite des Arkadenbaus an der sog. „Sonnenmannwiese“ vorbei. Das Areal ist volkstümlich nach einer Sandsteinfigur benannt, die aber keinen „Sonnenmann“, sondern Herakles zeigt, der das Himmelsgewölbe in Form einer Sonnenuhr trägt. Der muskulöse Halbgott der griechischen Mythologie (Sohn von Zeus und Alkmene, römisch Herkules) ist mit dem Fell des Nemeischen Löwens auf Kopf und Rücken dargestellt, zwischen seinen Schenkeln prangt eine Tatze, auf der Rückseite der Schwanz des Königs der Tiere. Da Herakles im alten Griechenland als Beschützer der Thermalquellen verehrt wurde, war es naheliegend, ihn auch in Wilhelmsbad zu verewigen – auch wenn sich der „gute Brunnen“ bald als kein Heilwasser erwies. Zudem kann der Bezug zum Löwen im hessischen Landgrafen- und später Kurfürstenwappen aufgezeigt werden, sahen sich die Herrscher doch mit Herakles / Herkules verwandt…

Der „Sonnenzeiger“ stand ursprünglich in der 1713 von Graf Johann Reinhard III. von Hanau-Lichtenberg angelegten Menagerie (Fasanerie Wilhelmsbad, heute Golfplatz) und später auf der kleinen Halbinsel im Park nahe der Burgruine. Nach dem Tod von Prinz Friedrich 1784 ließ Landgraf Wilhelm dort die noch heute bestehende Grabpyramide für seinen Sohn ähnlich für Cestius in Rom errichten. Der „Sonnenweiser“ wanderte weiter und fand seinen Platz etwas unsachgemäß auf der Wiese im hinteren Park. Der Mainzer Bildhauer Johann Jacob Juncker ergänzte ihn um den Torso; er schuf auch den Aeskulap samt Putten auf dem Brunnentempel an der Parkpromenade (siehe OdW #245).

Herkules‘ Last ist als polygonaler Kubus mit 24 Zifferblättern für jede Tageszeit gearbeitet. Der Block war einst farbig gefasst und mit Metallstiften versehen, die im Licht der Sonne die eingeritzten Uhrzeiten trafen. Zu Meckern gibt es immer etwas: Die vertikale Süduhr müsste eigentlich um ca. 90 Grad mit dem Zeigersinn gedreht sein – die Blickachse war damals wohl wichtiger als die korrekte Ausrichtung zum Lesen der Uhr. Sei es drum. Das „Sonnenmännchen“ dient seit Jahrhunderten beim Lustwandeln im Park neben den anderen Attraktionen als beliebter Haltepunkt (Brunnentempel, Musikpavillon, Schneckenberg, Karussell, Spielstationen, Eremitage, Schießbahn, heute Tennis- und Hockeyclub, nicht zuletzt Große und Kleine Gastwirtschaft).

Übrigens erzählen alte Hanauerinnen und Hanauer, dass einmal die Kasse der bis ins 19. Jahrhundert im Hauptgebäude florierenden Spielbank entwendet worden sei und just an der Stelle, an der der Räuber seine Beute fallen ließ, das Sonnenmännchen mit „Schatzkiste“ aufgestellt wurde – in Unkenntnis der wahren Hintergründe.

Text: Martin Hoppe

 

Sonnenmännchen in WilhelmsbadSonnenmännchen in Wilhelmsbad (© Fachbereich Kultur der Stadt Hanau, Aufnahme: Martin Hoppe)